So fit ist die Schweiz für eHealth

Im internationalen Vergleich ist die Schweiz bei der Implementierung von eHealth nur Mittelmass. Andere Länder sind technisch, organisatorisch und institutionell um einiges weiter – sagt die OECD. Warum ist das so? Und verhilft das EPDG der Schweiz zu einem Schub bei der «eHealth readiness»?

Die Einschätzung der Industrieländerorganisation OECD ist wenig schmeichelhaft: Die Schweiz liegt auf dem Weg zum elektronischen Patientendossier respektive allgemein bei der Implementierung von eHealth hinter Ländern wie Polen, Spanien und Estland zurück. Für insgesamt 30 Staaten hat die OECD einerseits die technische und organisatorische Bereitschaft für eHealth untersucht. Andererseits wurde beurteilt, ob ein Staat bereits die notwendigen gesetzlichen Grundlagen und Schritte eingeleitet hat (institutionelle Bereitschaft).

Mit dem Inkrafttreten des Bundesgesetztes über das elektronische Patientendossier (EPDG) diesen Frühling dürfte die Schweiz auf der institutionellen Seite etwas Boden gutmachen. Die technische Bereitschaft – etwa die flächendeckende Nutzung des EPD – dürfte aber noch eine Zeitlang hinter jener anderer Länder zurückbleiben. In 18 Ländern der OECD erfassten 2016 mindestens 70 Prozent der Grundversorger und Akutspitäler Diagnosen und Therapieinformationen mit EPD-Systemen. In der Schweiz dürfte dieser Wert noch einige Zeit nicht erreicht werden.

Unterschiedliche Haltung zur Datennutzung

Die Platzierung der Schweiz in der eHealth-Rangliste wird relativiert, wenn man sich die von der OECD angewendeten Kriterien genau anschaut. Eine hohe institutionelle Bereitschaft wird etwa jenen Ländern attestiert, die Gesundheitsdaten zentralisiert auswerten und für nationale Initiativen nutzen. In der Schweiz ist die Haltung hinsichtlich der Datennutzung bedeutend restriktiver. Das Bundesamt für Gesundheit wertet zwar zentral Daten aus dem EPD aus. Es tut dies aber zur Überwachung der Zweckmässigkeit, Wirksamkeit, und Wirtschaftlichkeit des EPDG und nicht mit Blick auf Forschung oder landesweiten Gesundheitskampagnen.

Minderheit setzt auf finanzielle Anreize

In guter Gesellschaft befindet sich die Schweiz hinsichtlich des Einsatzes von Geld, um eHealth voranzutreiben. Nur 13 der von der OECD untersuchten 30 Staaten setzen für die Verbreitung von eHealth auf finanzielle Anreize. Sie ermutigen Leistungserbringer damit, sich am elektronischen Austausch von Gesundheitsdaten zu beteiligen. In der Schweiz setzt der Bund eher bescheidene 30 Millionen Franken als Anschubfinanzierung für die Einführung des EPD ein. Die restlichen Kosten müssen die Leistungserbringer selber übernehmen. «Über nützliche Zusatzdienste und Effizienzsteigerungen sind diese Aufwände aber sicher finanzierbar», sagt Thomas Zurkinden, Gesamtprojektleiter elektronisches Patientendossier XAD (Deutschschweiz). Voraussetzung dafür ist es, dass das EPD nicht isoliert umgesetzt wird, sondern parallel dazu die Vernetzung und Kommunikation unter allen Akteuren des Gesundheitswesens modernisiert wird. Zurkinden: «Nur so ist der Mehrwert von eHealth auch für Spitäler, Heime und Ärzte konkret spürbar.»

Estland als eHealth-Pionier

In Estland spürt man diesen Effekt schon seit geraumer Zeit. Bereits 2008, also rund zehn Jahre vor der Schweiz, hatte der baltische Land mit dem Aufbau eines nationalen Systems zum elektronischen Austausch von Gesundheitsinformationen begonnen. Heute sind dem System über 98 Prozent der Bevölkerung und rund 800 Gesundheitseinrichtungen angeschlossen. 70 Prozent aller Gesundheitsinformationen werden elektronisch erfasst, 98 Prozent aller Rezepte werden digital ausgestellt. Die Gesundheitsausgaben sind seither auf 6 Prozent des Bruttoinlandproduktes gesunken – ein Spitzenwert unter den Industrienationen. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt dieser Wert fast doppelt so hoch.

Quellen:
New Health Technologies: Managing Access, Value and Sustainability, OECD, February 2017 (S. 203 ff)
European Score Card
Ländervergleich eHealth
OECD-Gesundheitsdaten
E-Estonia

Headerbild: Fotolia

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