Selbst-Zufriedenheit statt Persönlichkeitsentwicklung

Smiling people

Unzählige Kursangebote, Handbücher, Videoanleitungen und Blogs im Internet sprechen eine deutliche Sprache: Du musst dich entwickeln! Körperlich in Form kommen, mit der Sixpack-Challenge Badesaison-tauglich werden, mit biodynamischer Ernährung und Muscle-Pump dem bösem Körperfett zu Leibe rücken. Aber nicht nur der Körper will gestählt sein, auch der Geist besitzt ungenutzte Ressourcen. Diese werden mittels Meditationen, autogenem Training, Visualisierungen und positivem Denken aktiviert. Das gab es auch schon früher, zugegeben. Moderner ist da die Entdeckung der ‚Soft-Skills‘. Gut im Job sein genügt nicht – es braucht emotionale Intelligenz, charismatisches Kommunikationsvermögen, selbstverständlich ein gutes Mass an Empathie und Führungskompetenz. Egal was man tut. Die Selbsthilfe-Ratgeber überschlagen sich mit Angeboten, wie man sich schöner, schlanker, erfolgreicher, sexyer denkt und dabei wohlhabender und gelassener wird, ein Gewinn für die Menschheit. Natürlich tut es gut, sich körperlich, seelisch und geistig fit zu halten, natürlich profitiert man selbst und seine Umgebung davon. Es kann aber auch zu viel des Guten werden. Und wir leben in einer Zeit der Superlative; schneller, höher, weiter auch in den eigenen vier Wänden.

Viele Menschen sind durch die massiven Veränderungen verunsichert, die uns täglich in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, etc. begegnen. Sie suchen nach Stabilität, nach Ankern und greifen Strohhalmen. Und begegnen dann der Heilsbotschaft: Entwickle dich, werde besser, stärker. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, seine schlummernden Potentiale zu wecken, seine Ängste abzubauen, sich entspannter durch das Leben bewegen. Aber der Trend selbst löst Druck aus: Du bist nicht gut genug, mach mehr aus dir. Und wer sich einmal auf diese Reise begibt, erkennt bald, dass das Ziel mit jedem Schritt sich zu entfernen scheint. Je mehr man weiss, wie gut man sein könnte, desto offensichtlicher wird die Diskrepanz zwischen dem Ist und dem Soll. Je tiefer man gräbt, desto mehr findet man, egal was man sucht. Enttäuschungen in der Kindheit? Momente des Versagens? Ängste? Sehnsüchte? Wut? Trauer? Ist alles zum Abwinken vorhanden. Keine Lebenszeit reicht da aus, um all diese ‚unerledigten Geschäfte‘ zu klären. Die Freudsche Theorie, dass irgendwann, nach Jahrzehnten beim Psychoanalytiker, das Fass gelehrt sein könnte und ein strahlendes, reines Selbst hervortritt, hat sich leider nicht bewahrheitet.

Die Alternative zur Persönlichkeitsentwicklung ist Zufriedenheit – mit sich selbst und seiner Umgebung. Das bedeutet nicht, einfach gar alles hinzunehmen, in Lethargie zu versinken und den Kopf in den Sand zu stecken. Gemeint ist erst einmal ein Inne-Halten, ein Durchatmen. Um dann in aller Ruhe damit beginnen, aufzuzählen, was denn im Moment gut läuft, womit man zufrieden ist, was erhalten werden sollte. Auch hier darf man grabend sich in die Tiefe begeben, selbst die kleinen Details im Alltag entdecken, die passen und für die man dankbar sein könnte. Die Zuverlässigkeit des Postboten, des elektrischen Netzes, des öffentlichen Verkehrs. Der Take-away, die sicheren Strassen, das laufende Wasser, die stabile politische Lage. Wenn man beginnt, alle Vorzüge unseres Lebens aufzuzählen, kommt man zu keinem Ende … Diese Art zu sammeln kann nun auch auf einem selbst angewendet werden. Dabei wird nicht nach Heldentaten und Geniestreichen geschaut. Sondern nach einfachen Momenten von Zufriedenheit, Entspannung, Lockerheit. Folgende Fragen helfen bei der Suche: Was mache ich gerne, was macht mir Freude? Worin bin ich gut? Welche Seiten schätzen meine Kollegen/ Angehörige an mir? Was ist mir schon gelungen? Im Zweifelsfall kann man sich mit einer vertrauten Person austauschen, da es je nach kritischer Selbsteinschätzung schwierig sein kann, seine Qualitäten zu sehen. Ein Beispiel: Ein Kollege erzählt mir, dass er sich coachen lasse, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er sei bald 40 und hätte bisher noch nichts erreicht. – Eine typische Situation: gesellschaftliche Werte werden höher geschätzt als subjektives Erleben. Bei genauerem Betrachten ergibt sich nämlich folgendes Bild: Der Mann übt seit Jahren einen einfache Job in Teilzeit aus, der ihm soweit Spass macht und ihn ernährt. Zugegeben, er wird keine Karriere damit machen und nicht berühmt werden, aber er ist gut darin. Dafür hat er seit jeher viel Zeit für sein musisches Hobby, das er in verschiedenen Formen pflegen kann. Er verfügt zudem über genügend Zeit für soziale Kontakte und weitere Interessen, die er als vielseitiger Mensch hegt.

Fazit: Es gibt immer mehr und wir alle könnten zu Höherem berufen sein. Manchmal tut es aber auch einfach gut, das Angenehme und Schöne im Leben zu sehen und den Moment zu geniessen. Dazu brauchen wir keinen Coach, kein Handbuch und kein Trainingsprogramm. Es genügt, inne zu halten, durchzuatmen und sich zu erlauben, so zu sein, wie man im Moment ist.

Autor
Der gebürtige St. Galler Dr. med. Rolf Heim (1971), studierte in Zürich Medizin mit Spezialisierung in Psychotherapie, Psychiatrie und Coaching mit systemischer Ausrichtung. Von 2000 bis 2010 war er tätig am Institut für Arbeitsmedizin, Baden, im Bereich Gesundheitsförderung, Führungsschulung, Coaching und Psychotherapie. Seit 2008 führt er in Holderbank AG eine eigene Praxis und berät Unternehmen im Umgang mit psychisch kranken Mitarbeitenden. Heim ist Autor mehrere Publikationen (u.a. Seele am Abgrund: Ratgeber für Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen, 2008; Wellness Mindness Guide, 2006).

Sie erreichen diesen Autor auch direkt unter: www.cts-consulting.ch

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