MPA – „Die Ausbildung in eHealth ist wichtig für alle Gesundheitsfachpersonen.“

Medizinische Praxisassistentinnen (MPA) sind der Dreh- und Angelpunkt in jeder Arztpraxis: Sie empfangen, betreuen, koordinieren, organisieren, führen diagnostische Untersuchungen durch und bilden so das zentrale Bindeglied zwischen Arzt, Patient und anderen Leistungserbringern. Durch die Breite ihres Aufgabengebiets sind sie von der Digitalisierung im Gesundheitswesen besonders betroffen.

Marianne Schenk ist Zentralvizepräsidentin des Schweizerischen Verbands Medizinischer PraxisAssistentinnen SVA und Präsidentin Odamed Berufsbildung MPA. Im ausführlichen Interview erzählt sie anschaulich, was die Digitalisierung für den Beruf der MPA bedeutet und welche Chancen und Herausforderungen sich daraus ergeben.

Frau Schenk, woran denken Sie als Erstes, wenn Sie an »Digitalisierung im Gesundheitswesen« denken?

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein weites Feld. Der erste Gedanke geht hier bei mir in eine vernetzte Welt voller Informationen, jederzeit abrufbar und aktualisiert. Im Wesentlichen steht aber eHealth im Vordergrund. Ich sehe es als ein Pflichtprogramm für die MPA, sich diesem Thema anzunehmen und damit auseinanderzusetzen. Im Praxisalltag begegnen wir der Digitalisierung bereits in allen Tätigkeitsbereichen. Ich denke ebenfalls an den Zugang zu wissenschaftlich fundiertem und allgegenwärtigem Medizinwissen, was die Menschen zu gut informierten Patienten macht. Sie sind selbstbewusster und selbstbestimmter und fordern Gespräche mit den Gesundheitsfachpersonen auf Augenhöhe. Ich denke aber auch an Apps und Wearables, die jedermann trägt, welche die Schritte zählen oder die Schlafqualität erfassen. Ich denke an Diabetiker, die eine Insulinpumpe tragen oder sich selber den Zucker messen, die Resultate online dann gleich dem Arzt zukommen lassen und subito Rückmeldung erwarten. Jederzeit und von überall her.

Schweizer Hausärzte arbeiten zunehmend mit elektronischen Krankengeschichten, vernetzten Laborgeräten und setzen in der Kommunikation mit Spitälern und anderen Leistungserbringern auf digitale Kanäle. Wie stark ist der Beruf der MPA von diesem Wandel betroffen?

In der täglichen Arbeit in der Arztpraxis ist ein grosser Teil bereits digitalisiert. Das Röntgen, wo der Entwicklungsprozess der Bilder wegfällt, das Labor, wo die Analysen mittels hochsensitiver Reagenzträger und automatisierter Geräte deutlich effizienter und schneller geworden sind, der Datentransfer der externen Leistungserbringer in die Praxis, wo beispielsweise die externen Laborergebnisse direkt in die Praxissoftware eingebunden werden können. Das alles hat natürlich Auswirkungen auf das Berufsbild. Der MPA-Beruf ist eine „generalistische“ Ausbildung und fordert neben anderem auch im Bereich Digitalisierung Anpassungen. Das wird gegenwärtig im Rahmen einer Revision der Bildungsverordnung gemacht. Die Tätigkeiten im Berufsalltag erfahren mit der Digitalisierung nur indirekt Entlastung für die MPA. Die Zunahme der chronisch kranken Patienten und die demographische Entwicklung auf der einen Seite und der Hausärztemangel auf der anderen Seite fordern eine Effizienzsteigerung, um mehr Patienten behandeln zu können. Die Hausärzte werden künftig vermehrt Tätigkeiten an die MPA delegieren müssen und das fordert genügend gut ausgebildete MPA. Die MPA kann sich seit 2016 mit einem eidgenössischen Fachausweis zur medizinischen Praxiskoordinatorin weiterbilden und spezialisieren. Je nach Fachrichtung kann sie in der klinischen Richtung chronisch Kranke begleiten und in der hausärztlichen Praxis beraten oder in der praxisleitenden Richtung beispielsweise das Thema eHealth in die betrieblichen Prozesse einbringen und dem Hausarzt in dieser Angelegenheit wertvolle Unterstützung bieten.

Neben digital sehr fortgeschrittenen Ärzten gibt es auch solche, die ihre Korrespondenz weiterhin via Fax und Briefpost abwickeln. Wie erklären Sie sich diese „Sturheit“? Studien zeigen immerhin, dass mit der Umstellung auf digitale Kanäle massiv Kosten eingespart werden können.

Ärzte werden täglich mit Neuerungen konfrontiert. Ich interpretiere es nicht als „Sturheit“, eher als Unsicherheit und ungenügendes Wissen über die Thematik einerseits und als wirtschaftlicher Druck für das Unternehmen „Hausarztpraxis“ bezüglich der nötigen Investitionen andererseits. Der Trend zu Gruppen- und Gemeinschaftspraxen erlaubt, mehr in die Digitalisierung zu investieren. Die Kosten werden geteilt. Könnte es ein Generationenphänomen sein zwischen jungen und erfahrenen Hausärzten, die häufig alleine Praxisinhaber sind und nur noch ein paar Jahre arbeiten und ihre Investitionen deshalb geringhalten? Die genannten Kosteneinsparungen sehe ich weniger in den Betriebskosten selber, dagegen aber in den Gesundheitskosten allgemein.

MPAs, die heute ihre Ausbildung starten, gehören den »digital natives« an. Denken Sie, dass diese Gruppe digitalen Veränderungen in ihrem Berufsfeld offener gegenübersteht?

Die jungen medizinischen Praxisassistentinnen stehen der Digitalisierung grundsätzlich offen gegenüber. Sie sind es gewohnt, sich in der digitalen Welt zu bewegen, und gehen vorbehaltloser mit Neuerungen um. Ich sehe das in meinem persönlichen Arbeitsumfeld sehr genau. Ältere MPA benötigen mehr Zeit und fordern mehr Erklärungen, gerade bei den Informationstechnologien. Die Ausbildung in eHealth ist wichtig für alle Gesundheitsfachpersonen. Aktuell sind wir gemeinsam mit anderen Berufsverbänden aus dem Gesundheitswesen daran, ein Schulungskonzept zu lancieren.

Worin sehen Sie den grössten Nutzen der Digitalisierung für den Beruf der MPA?

Den grössten Nutzen sehe ich in der Effizienzsteigerung der Prozesse. Für die MPA bedeutet das aber nicht weniger Arbeit oder eine Entlastung. Es wird anders und es erfordert ein hohes Mass an Sorgfalt und Genauigkeit in den einzelnen Arbeitsschritten. Zudem steigt die Geschwindigkeit. Ein weiterer Aspekt ist die Kommunikationssicherheit, die hier ebenfalls gefordert wird. Der Patient ist besser informiert und fordert kompetente Fachpersonen. Wie ich bereits erwähnt habe, wünscht der Patient eine Beziehung auf Augenhöhe. Ein weiterer grosser Nutzen ist, dass der Patient im Mittelpunkt steht und sich alle Dienstleistungen um ihn herumbewegen. Seine Selbstbestimmung wird gestärkt und fördert so das Selbstmanagement und auch die Patientensicherheit. Durch die Vernetzung werden beispielsweise Doppelspurigkeiten vermieden. Die MPA funktioniert hier als Drehscheibenfunktion und Schnittstelle in der Arztpraxis. Sie ist besorgt, dass die nötigen Dokumente für die Konsultation stets vorhanden sind.

Sehen Sie auch Gefahren oder Herausforderungen?

Die Tätigkeiten der MPA werden sich entwickeln und verändern. Dem stehen wir offen gegenüber und beobachten die Entwicklungen sehr genau. Die Herausforderung ist, zum richtigen Zeitpunkt zu reagieren, was bei dieser rasanten Entwicklung Beweglichkeit abverlangt. Ich bin zuversichtlich, was die Stellung der MPA im ambulanten Gesundheitswesen betrifft. Sie wird immer vielseitig einsetzbar sein und wo die Tätigkeiten effizienter werden beziehungsweise durch die Digitalisierung sogar wegfallen – Diktate werden heute schon durch ein automatisches Schreibprogramm ersetzt – wird sie mit Sicherheit an anderer Stelle eingesetzt werden. Das Zwischenmenschliche, die Interaktionen, das persönliche Gespräch mit den Patienten kann auch die Digitalisierung nicht ersetzen. Die MPA muss mit der Digitalisierung gehen, die neuen Trends kennen und die Patienten in der digitalen Welt unterstützen. Es ist wichtig, dass sie hier ihre Rolle wahrnimmt und sich in der Arztpraxis dafür einsetzt.

Marianne Schenk
Marianne Schenk (Bild zvg)

Marianne Schenk wurde 1966 in Dornach SO geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Sie arbeitet seit 1986 als Arztgehilfin DVSA und verfügt über berufliche Erfahrung in den Bereichen Gynäkologie, Pädiatrie, allgemeine Hausarztmedizin, Kinderchirurgie, orthopädische Chirurgie. Darüber hinaus ist sie Prüfungsexpertin im Fach Labor und Dozentin an den Berufsschulen für Berufsbildnerkurse. Seit 2010 ist sie leitende MPA und Berufsbildnerin in einer grossen Grundversorgerpraxis in Basel. 2016 machte sie den eidg. Fachausweis medizinische Praxiskoordinatorin praxisleitende Richtung und waltet seit März 2016 als Präsidentin der Odamed Berufsbildung Medizinische Praxisassistentinnen. Seit 1997 ist Marianne Schenk im SVA-Zentralvorstand und zudem Mitglied und Delegierte in diversen nationalen Kommissionen, Verbänden und Beiräten u.a. SVA – Kongress Davos und Fachkongresse für Labormedizin.

Quelle Headerbild: Fotolia

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