Gastbeitrag: M-Health-Prävention – und die unüberwindbare soziale Kluft

Gastbeitrag

Globale Statistiken deuten auf eine stetig wachsende Nutzung mobiler Technologien sowie deren Einsatz zur Krankheitsvorbeugung und Betreuung hin. Die digitale Revolution befindet sich in vollem Schwung und ihre Auswirkungen bringen grosses Veränderungspotential für die Planung, Implementation und Struktur präventiver und therapeutischer Gesundheitsdienste mit sich. Angesichts der zunehmenden Bedeutung digitaler Technologien ist es wichtiger als je zuvor, deren Rolle und Mitwirkung zur Lösung grundlegender Probleme unserer Gesundheitssysteme zu verstehen. Eines dieser Probleme sind die beharrlichen sozialen Ungleichheiten, die auf direkte und indirekte Weise zu Benachteiligungen in der Gesundheitsversorgung führen. Das Ergebnis vieler Studien lautet: wer «mehr hat», ist gesünder. Doch könnten mobile Technologien nicht dazu beitragen, diejenigen die «weniger haben» gleich gesund zu halten? Meine Literaturstudie am Institut für Sozialpolitik der Oxford Universität das hat dies am Beispiel der m-Health-basierten HIV Prävention zu beantworten versucht.

Das Digitale Potenzial

Die Hypothesen sowie die Hoffnungen vieler Forscher, Entscheidungsträger und kommerzieller Akteure sind klar definiert: Digitale und vor allem «Mobile Health»-Ansätze (m-Health) stellen eine einmalige Chance zur Überwindung beharrlicher sozialer und gesundheitlicher Ungleichheiten dar. Mit mobilen Telefonen können Risikogruppen und abgelegene Bevölkerungen unkompliziert und kostengünstig erreicht werden. Gleichzeitig wappnen neue Technologien unsere Gesundheitssysteme auf eine Zukunft mit vermehrt chronisch erkrankten Menschen und steigenden Kosten. Ein Forschungsprojekt aus Indien (mSehat, 2017), in dem Smartphones und Tablets im Arbeitsalltag ländlicher Krankenpfleger integriert worden sind, weist auf dieses enorme Potential hin. Standardisierte Berichterstattungen, modernisierte Qualitätssicherungen und stets zugreifbare Richtlinien führten zu einer eindeutigen Verbesserung der Grundversorgung.

Ein digitales Kastensystem?

Was viele Entscheidungsträger und Forscher allmählich erkennen, ist, dass sich die vielversprechende Digitalisierung der Gesundheit weder isoliert noch im sozialen Vakuum entwickeln kann. Den Erwartungen zufolge, sollen Public-Health-Programme die allgemeine Gesundheit und insbesondere die der sozial benachteiligten Mitglieder einer Gesellschaft verbessern.

Ist das nicht selbstverständlich?

Nun, bisherige Erfahrungen zeigen, dass diese zwei Ziele oft nicht kompatibel sind. Der Grund dafür stellt eines der Kernprobleme moderner Public-Health-Initiativen dar: Denn sozioökonomisch benachteiligte Bürger tendieren zu einem geringeren Zugang, der auch mit entsprechenden und teils sogar staatlich geförderten Gesundheitsinitiativen nicht verbessert werden kann. Somit kann eine nationale Kampagne den Durchschnitt neuer HIV-Fälle eines Landes erfolgreich senken und gleichzeitig die Kluft zwischen sozioökonomisch Begünstigten und Benachteiligten erweitern. Dies trägt wiederum unvermeidlich zur Vergrösserung von gesundheitlichen Ungleichheiten bei.

Trotz der flächendeckenden Nutzung mobiler Telefone und des enormen m-Health Potenzials, grosse Teile einer Bevölkerung zu erreichen, sollte das Risiko, dass schliesslich nur die Wohlhabenden profitieren, nicht vernachlässigt werden. Selbst wenn jeder Bürger einer Gesellschaft ein mobiles Endgerät besitzen würde, bleiben soziodemographische sowie sozioökonomische und kulturelle Faktoren ausschlaggebend dafür, wie dieses genutzt wird. Verfügen ihre Besitzer über das entscheidende Wissen zur korrekten Bedienung von m-Health-Applikationen? Besteht die Motivation dazu? Ist das nötige Gesundheitsbewusstsein vorhanden? Solche Fragen sind grundlegend und ihre Beantwortung ist massgeblich vom sozialen und finanziellen Status des Individuums abhängig. Im Allgemeinen gilt: je besser man sozioökonomisch gestellt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das nötige Wissen, Gesundheitsbewusstsein sowie den nötigen Willen zur korrekten Nutzung von m-Health besitzt. Die Neue Zürcher Zeitung (2016) spricht von einem «digitalen Kastensystem», in der Forschung nennt man das Phänomen auch «Digital Divide», also digitale Kluft oder Spaltung. Diese führt letztendlich zu einer Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der digitalen Gesundheitswelt.

Fallbeispiel: M-Health basierte HIV-Prävention

Mit meiner Literaturstudie, die ich am Institut für Sozialpolitik an der Oxford Universität durchführte, versuchte ich am Beispiel der mobilen HIV-Prävention herauszufinden, ob bereits bestehende m-Health Interventionen einen positiven oder eher negativen Einfluss auf soziale sowie daraus resultierende Ungleichheiten in der mobilen Gesundheitsversorgung haben. Aus etwa 9.000 Publikationen erfüllten 60 m-Health-basierte HIV-Studien alle Kriterien der systematischen Literaturübersicht und wurden individuell analysiert. Die Studie basiert auf dem von Campbell und Cochrane unterstützten «PROGRESS-Plus»-Konzept (2003), anhand von welchem man Auswirkungen verschiedener Interventionen auf soziale Ungleichheiten identifizieren und zusammenfassen kann.

Das Ergebnis meiner Literaturanalysen war eindeutig: Forscher beschäftigen sich demnach viel zu wenig mit der Frage ob ihre m-Health-Initiativen die soziale Kluft bei der Gesundheitsversorgung vergrössern oder verkleinern. Nur etwa etwa 10% aller analysierten Studien enthalten Indizien oder klare Informationen dazu. Ein Grossteil der Literatur liefert schlichtweg keinen Einblick darin, ob m-Health basierte HIV-Präventionen die Kluft erweitern, indem sie sozioökonomisch Benachteiligte und somit auch jene, die zumeist das höchste Infektionsrisiko haben, weniger erreichen.

Die wissenschaftliche Basis ist hier nicht aussagekräftig genug. Wir wissen, dass die digitale Kluft keine Fiktion ist. Ebenso wissen wir, dass Krankheiten wie HIV besonders in sozial – und somit auch hinsichtlich ihres m-Health-Zugangs – benachteiligten Gesellschaftsschichten «blühen». Es ist wichtig zu verstehen, dass mobile und digitale Innovationen nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie einen fairen und für alle Gesellschaftsschichten gleichermassen gesicherten Zugang gewährleisten. Nur dann kann man von einer fairen und wirklich nützlichen Gesundheitsdigitalisierung sprechen. Dafür wiederum müssen wir alle, Forscher, Entscheidungsträger und Verbraucher, sensibler werden und nicht vergessen, dass Potenzial und Risiken Hand in Hand gehen.

Informationen zum Autor:
Ich heisse Vasileios Nittas, bin 25 Jahre alt und griechischer Abstammung. Ich habe meinen Bachelor (BSc) in «European Public Health» an der Maastricht Universität und meinen Master (MSc) in Sozial- und Gesundheitspolitik an der Oxford Universität absolviert. Seit kurzem bin ich als Doktorand in Epidemiologie & Public Health mit einem Schwerpunkt in Digital Health an der Universität Zürich tätig. Gleichzeitig arbeite ich als Lead Autor für den Think Tank «Polygeia» mit Basis in Oxford, Cambridge, London und New York. Meine Forschung befasst sich vor allem mit der effektiven Integration innovativer digitaler Massnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung. Ultimatives Ziel meiner Tätigkeit ist die faire und effiziente Nutzung digitaler Gesundheitsinnovationen für ein entlastetes Gesundheitssystem und eine gesündere Bevölkerung. 

Mit diesem Gastbeitrag, basierend auf Ergebnissen meiner Oxford Studie (die sich momentan im Publikations-Prozess befindet), möchte ich die Leser von gesund-digital anregen, eine «out-of-the-box»-Perspektive einzunehmen und die Vielseitigkeit der Gesundheitsdigitalisierung zu verstehen. Ich bin ein enthusiastischer Befürworter innovativer digitaler Gesundheitsinterventionen – allerdings auch überzeugt, dass ohne einen Hauch von kritischem Hinterfragen das eHealth-Potential  auf der Strecke bleiben wird. Die Digitalisierung ist unsere Zukunft und somit ist es extrem wichtig, die sensiblen und ethisch angespannten Seiten dieser Thematik anzusprechen und zu verstehen. Nur so werden wir es schaffen, neue Technologien für jedes Mitglied unserer Gesellschaft zugänglich und profitabel zu machen – und nicht lediglich nur für die, die bereits alle Mittel dazu besitzen.

Quellen:

eHealth Literacy: Extending the Digital Divide to the Realm of Health Information (JMIR, 27.01.2012)
Digitale Spaltung – Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Internet (Nicole Zillien, 14.11.2013)
Health Disparities, Communication Inequalities, and e-Health (American Journal of Preventive Medicine, 01.05.2008)
Global diffusion of eHealth (WHO, 2016)
M-Health for HIV Treatment and Prevention: What are the Equity Impacts (Vasileios Nittas, 2017)
mSehat (Government of Uttar Pradesh, 2017)
Weshalb uns das Internet ungleicher macht (Neue Zürcher Zeitung, 07.06.2016)
HIV and Income Inequality (IPC for Inclusive Growth, 04.2009)
Digital health interventions: widening access or widening inequalities? (Public Health, 20.11.2014)
eHealth Action Plan 2012-2020 (European Commission, 6.12.2012)
How and why do interventions that increase health overall widen inequalities within populations? (The Policy Press University of Bristol, 04.2009)
Road traffic crashes: operationalizing equity in the context of health sector reform (Injury Control and Safety Promotion, 2003)
Bild: Fotolia

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