Kryptomnesie: Verleiten uns Newsfeeds und Facebook zu Plagiaten?

Wenn Popstars für den Klau eines Rhythmus oder einer Melodie gerügt werden, geschieht das möglicherweise zu Unrecht. Psychologen vermuten hinter „versehentlich“ kopierten Inhalten eine sogenannte Kryptomnesie. Das unaufmerksame Lesen von News- und anderen Onlinefeeds wie Facebook kann dies fördern.

Immer wieder werden Musiker beschuldigt, Melodien, Rhythmen oder Textpassagen von jemand anderem kopiert zu haben. Vielfach schwören die Beschuldigten hoch und heilig, selber auf die Idee gekommen zu sein. Ist das alles nur Show oder steckt mehr dahinter?

„Die Welt“ veröffentlichte vor kurzem einen Artikel, in welchem Psychologen dieses Phänomen mit der sogenannten Kryptomnesie erklären: „Dahinter verbirgt sich das Phänomen, dass ein Mensch etwas hört oder sieht – und es dann komplett vergisst“, heisst es im Artikel. „Irgendwann taucht der Eindruck dann wieder auf, plötzlich, überraschend – ähnlich eines Déjà-vu. Der Mensch denkt dann, ein Satz, eine Idee, eine Melodie oder die Lösung für ein Problem wäre ihm selbst gekommen. Nachweislich stimmt das aber nicht.“

Bekanntes Phänomen

Wir werden nahezu pausenlos mit einer Unmenge von alltäglichen Ereignissen konfrontiert. Müsste sich unser Gehirn alles davon merken, wäre es heillos überfordert. Aus diesem Grund wird nur ein kleiner Teil in unserem Gedächtnis gespeichert, den Rest vergessen wir wieder. Das Speichern und Löschen von Informationen ist allerdings sehr fehleranfällig. Hören wir zum Beispiel eine tolle Melodie, ist nicht automatisch garantiert, dass wir uns auch deren Urheber merken.

Kryptomnesie gilt als völlig alltäglich. Bereits in den 1980er Jahren führten Alan Brown und Dana Murphy ein Experiment dazu durch: Darin liessen sie Probanden in Gruppen möglichst originelle Begriffe zu Kategorien wie Musik oder Sport nennen. In einer darauffolgenden Wiederholungssitzung nannten Dreiviertel der Probannten Begriffe, die in der ersten Sitzung bereits von anderen Gruppenmitgliedern genannt worden waren – und zwar ohne sich daran zu erinnern.

Verstärkung durch unaufmerksame Rezeption

Das Phänomen verstärkt sich, je unaufmerksamer Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. „Wer also unkonzentriert viele Newsfeeds oder Facebook konsultiert, ist anfällig dafür, fremde Ideen für seine eigenen zu halten“, halten die Autoren des Welt-Artikels fest.

Wer jetzt denkt, damit die perfekte Ausrede für ein Plagiat gefunden zu haben, wägt sich jedoch in falscher Sicherheit. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung gibt es genügend Möglichkeiten, seine vermeintlich eigenen Ideen auf ihre Originalität zu überprüfen. Laut dem Psychologen Joshua Landau reicht es zuweilen auch schon aus, sich noch einmal Gedanken über die Herkunft einer Idee zu machen. Gegenüber der „New York Times“ sagt er: „Fragen Sie sich selbst: ‚Woher habe ich diese Info? Ist es meine? Habe ich sie mir von jemand anderem ausgeliehen? Habe ich diese Quelle offengelegt?‘“

Quelle: „Warum uns Newsfeeds und Facebook vergesslich machen“ (welt.de, 28.08.2016)
Bild: Fotolia

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