Health-Bots – „Der Mehrwert ist riesig, wenn die Technologie richtig eingesetzt wird.“

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Bots gehören zu den beflügelten Technologien der Digitalisierung und halten auch im Gesundheitswesen immer häufiger Einzug. Die intelligenten Computerprogramme dienen unter anderem der automatisierten Abarbeitung von sich wiederholenden Arbeiten oder auch als künstliche Ansprechperson in Chats. Ein solcher „Chatbot“ ist Florence, die virtuelle Krankenschwester mit Medikamenten-Erinnerung und Symptom-Check. Wir haben mit Entwickler David Hawig über seinen Chatbot und die Chancen für das Gesundheitswesen gesprochen.

Herr Hawig, was oder wer ist Florence?

Florence ist ein Chatbot, den man wie eine echte Person via Skype oder Facebook Messenger anchatten kann. Sie erinnert Nutzer via Textnachricht an die Einnahme von Medikamenten oder der Anti-Baby-Pille und liefert als Symptom-Check wertvolle Informationen zu Krankheiten. Wichtig ist zu beachten, dass Florence den Arztbesuch nicht ersetzt, sondern ergänzt. Der Chatbot kann kostenlos über die offizielle Webseite oder via botlist.co als Kontakt zu Skype oder Facebook Messenger hinzugefügt werden.

Warum werden Florence und andere Chatbots nicht via App-Store angeboten?

Die Entwicklung von Bots steht noch am Anfang. Selbst die Software von Microsoft, die ich zum Programmieren von Florence benutze, befindet sich noch in der Beta-Version. Es gibt Apps, in welchen Chatbots integriert sind, aber „reine“ Chatbots funktionieren in der Regel über ein Chatprogramm wie Skype. Es ist davon auszugehen, dass man in Zukunft einen übergeordneten Meta-Chatbot benutzen wird – zum Beispiel Apples Siri oder Cortana von Microsoft – und dass dieser bei spezifischen Fragen auf kleinere Bots verweist oder weiterleitet. Florence würde in diesem Anwendungsfall bei Gesundheitsfragen zum Zug kommen. Die Hauptkommunikation erfolgt dann aber über den Meta-Bot.

Neben der automatischen Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme beantwortet Florence auch spezifische Fragen zu Symptomen und Krankheiten im Symptom-Check. Woher stammen diese Informationen?

Florence arbeitet mit Informationen aus der Schweizer Datenbank ApiMedic, die auch von Ärzten und Krankenhäusern benutzt wird. Ergänzend werden nach und nach Inhalte aus anderen medizinischen Datenbanken integriert. Wie alle Bots lernt Florence auch mit jedem Nutzer dazu. Das System wird demnach umso besser, je mehr Benutzer es hat. Das macht die künstliche Intelligenz erst aus: Man kann einen Chatbot nicht allein im Kämmerlein entwickeln, mit ein paar Freunden testen, auf den Markt bringen und dann denken, dass er reibungslos läuft. Er hat nie ausgelernt und entwickelt sich stetig weiter.

Woher weiss Florence, welches Symptom zu welcher Krankheit passt?

Florence arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten von Krankheiten, macht aber weder eine Diagnose noch eine Handlungsempfehlung, dank der sich Nutzer selber behandeln könnten. Nach jedem Symptom-Check ruft Florence dazu auf, einen Arzt zu kontaktieren. Hierfür wird ein Report mit allen gewonnenen Informationen ausgestellt, den der Nutzer zur Sprechstunde mitnehmen kann. Der Report kann unter Umständen helfen, die eigenen Symptome besser zu verstehen und zu beschreiben und so die Qualität der ärztlichen Diagnose zu verbessern.

Wie steht es um den Datenschutz? Sind die Chatunterhaltungen mit Florence gesichert?

Facebook Messenger erlaubt keine verschlüsselten Konversationen zwischen Mensch und Bot. Bei Sykpe ist alles verschlüsselt, genauso wie meine Server, über die Florence läuft. Darüber hinaus werden alle Daten vom Symptom-Check direkt nach der Ausstellung des Reports gelöscht. Florence erhebt also nur die Daten, die sie wirklich braucht. Darunter fallen natürlich auch die Kontaktdaten des Nutzers. Im Rahmen der Möglichkeiten bietet Florence aber einen maximalen Datenschutz. Die Informationen werden weder weitergegeben noch zu Werbezwecken missbraucht.

Wo in der Entwicklung steht Florence aktuell?

Florence läuft immer noch in der Beta-Version. Grund dafür ist die Vielfältigkeit der menschlichen Sprache. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, dass der Chatbot von möglichst vielen Menschen benutzt wird, damit er lernen kann. Aktuell gewinnt Florence täglich rund hundert neue Benutzer und führt fünfzig bis hundert Symptom-Checks pro Tag durch. Das Lernpotential ist also enorm.

In einem früheren Artikel fragten wir uns, ob Bots ein „nice to have“ oder mehr sind. Wie sehen Sie das?

Chatbots sind definitiv mehr als ein „nice to have“, und zwar sowohl im medizinischen Sektor als auch in anderen Bereichen, etwa dem juristischen. Der Mehrwert ist riesig, wenn die Technologie richtig eingesetzt wird. Chatbots können Prozesse vereinfachen, entlasten und schnell sowie zuverlässig Informationen bereitstellen. Dass das Interesse daran gross ist, zeigen die schnell wachsenden Nutzerzahlen. Im Gesundheitswesen sind Bots zudem beliebter als Apps, weil dem häufig verlangten Frage-Antwort-Schema direkter Rechnung getragen werden kann.

Wie kamen Sie dazu, einen Chatbot für das Gesundheitswesen zu entwickeln?

Ich war Teil des Forschungsprojekts HYBRICO, in dessen Rahmen eine Webseite und eine App entwickelt wurden, die Angehörige von pflegebedürftigen Fällen im pflegerischen Alltag unterstützt. Dabei stellte sich heraus, dass pflegende Angehörige meist Personen in fortgeschrittenem Alter sind, für die das Installieren einer App oder die Benutzung einer anspruchsvolleren Webseite immer noch ein Hindernis darstellt. Dahingegen haben heute die meisten Menschen – auch ältere – kein Problem damit, via WhatsApp oder anderen Chatmessenger zu kommunizieren. Chatbots sind darum eine ideale und einfach zu benutzende Alternative zu komplizierten Apps oder Webseiten. Daraus entstand Florence.

David Hawig
David Hawig (Bild zvg)

David Hawig ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsinstituts für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention (FIAP). Er arbeitete dabei in verschiedenen Projekten (u.a. Kunden-Innovationslabor Elektromobilität, HYBRICO). Nebenberuflich entwickelt er seit Juni 2016 den Chatbot Florence.

Florence ist kostenlos, komplett werbefrei und kann über die offizielle Webseite oder via botlist.co als Kontakt zu Skype oder Facebook Messenger hinzugefügt werden.

Beitragsbild: zvg

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