Gesundheits-Apps und Webseiten – Wenn mündige Patienten zu Hypochondern werden

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Jeder fünfte chronisch erkrankte Patient, der ein Smartphone besitzt, benutzt Gesundheits-Apps zur Überwachung seiner Erkrankung. Mittlerweile existieren tausende von solchen Apps und Webseiten. Es versteht sich von selbst, dass diese Digitalisierung «von unten» im Gesundheitswesen nicht in allen Fällen sinnvoll ist. Ärzte, Kliniken, Politik und die Patienten selbst sind vom steigenden Angebot zunehmend überfordert. Was ist brauchbar, was nicht? Und wieso lassen sich Patienten von Google zur Hypochondrie verführen?

Mangelhafte Apps bergen grosse Gefahren

Die deutsche Ärztezeitung berichtete kürzlich von einer neuen Webseite, die sich mit der Qualität von Gesundheits-Apps auseinandersetzt. Damit gibt sich die Redaktion von spiegel.de nicht zufrieden. In einem Artikel vom 7. November prangern sie das überbordende App-Angebot und die unzureichende Regulierung an.

Verschiedene Tests – zum Beispiel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen – haben in den letzten Monaten und Jahren aufgedeckt, dass viele Gesundheits-Apps nicht einmal «die minimalsten Anforderungen an die Transparenz über den gesundheitlichen Nutzen» erfüllen. Ein unhaltbarer Zustand? Ja, denn mit der Gesundheit – zumindest das sollte jedem klar sein – ist nicht zu spassen.

Kratzt die Digitalisierung trotzdem am Image der «Götter in Weiss»?

Dass man einer App nicht blind vertrauen sollte, gehört zum Allgemeinwissen. Warum setzen trotzdem so viele zuerst auf das digitale Angebot, bevor sie einen Arzt konsultieren? Während man früher mit einem Leiden direkt zum Arzt ging, googlet man heute seine Symptome oder verfolgt seine Vitaldaten via App, ohne wirklich zu wissen, ob man die «richtige» Krankheit behandelt. Die Digitalisierung und das zunehmende Webseiten- und App-Angebot macht Patienten vermeintlich mündiger: Sie wollen mitentscheiden und erwarten durch ihre eigenen Recherchen eine bessere Beratung seitens Mediziner. Für Ärzte bedeutet das mitunter ein Zusatzaufwand, denn wo sie früher einfach eine Diagnose stellten, müssen sie heute über teils fragwürdige Informationen von Apps und Webseiten diskutieren.

Qualitätssiegel für Medizin-Apps und Webseiten in weiter Ferne

Eine Lösung für das Problem gibt es per se nicht. Niemand kann einem Patienten verbieten, seine Leiden bei Google einzugeben – und zu recht fragt ein Arzt bei der Erstkonsultation gerne: «Haben Sie gegooglet?» statt direkt auf das eigentliche Leiden einzugehen.

Immerhin gibt es immer mehr Portale, die sich mit der Qualität von Apps und Webseiten auseinandersetzt, etwa die kostenlose Webseite HealthOn oder das Prüfsiegel DiaDigital, welches die Deutsche Diabetes-Hilfe zusammen mit anderen Verbänden ausstellt. «Die meisten reden, aber niemand macht etwas. Wir haben einfach angefangen», erklärt Diana Drossel von der Deutschen Diabetes-Hilfe gegenüber spiegel.de.

Eine Webseite oder eine App machen also noch keinen Arzt. Bevor man seine Leiden bei Google erfragt und vor der ersten Arztkonsultation der Hypochondrie verfällt, sollte man sich im Klaren sein, dass nicht alles, was man im digitalen Dschungel findet, auch auf den eigenen Fall zutrifft. Denn letzten Endes sind die Faktoren, die über Gesundheit oder Krankheit entscheiden, genauso individuell wie die Patienten selber.

Quellen:

«Jetzt sprechen 6.000 Patienten: Wir vertrauen unseren niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten» (KBV Versichertenumfrage, 2017)
«Glauben Sie nicht alles, was Ihre Medizin-App sagt» (spiegel.de, 07.11.2017)
Bild: Fotolia

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