Digital, aber nicht vernetzt: So steht es um eHealth in den USA

Der Begriff «Amerikanisierung» zählt für westeuropäische Wutbürger zu den Unwörtern des Jahrhunderts. Unbestritten ist, dass die USA uns oft die Trends der Zukunft vorleben. Fast Food, Politainment und Blockbuster-Kino verbinden wir heute genauso mit unserer eigenen Kultur wie mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Nun klopft der nächste Trend an: Die beschleunigte Digitalisierung des Gesundheitswesens. Schon 2015 arbeiteten über 85% der niedergelassenen Ärzte und 90% der Kliniken in den USA mit elektronischen Patientendossiers. Über die Hälfte der US-Spitäler bieten zudem telemedizinische Services an. In der Schweiz, wo Dossiers oftmals noch von Hand geführt und Überweisungen per Fax versendet werden, klingen solche Zahlen nahezu utopisch.

Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie steht es also wirklich um die Digitalisierung des US-Gesundheitswesens? Wir wagen einen Blick auf eine kinoreife Vorstellung.

Der Rising Star: Die Telemedizin

Die genannten Zahlen beweisen: In den USA setzt man voll auf die Digitalisierung. Im Trend sind beispielsweise «Doc-on-Demand»-Plattformen, auf welchen Leistungserbringer zeit- und ortsunabhängig für ärztlichen Rat zur Verfügung stehen. Das Angebot umfasst neben der Face-to-Face-Kommunikation auch das Überprüfen von Vitalwerten sowie das Ausstellen von Rezepten. Der Vormarsch der Telemedizin wird gemäss deutschem Ärzteblatt vor allem von der Bevölkerung angetrieben. Diese begrüssen neue Formen der Gesundheitsversorgung – nicht zuletzt da sie so die langen Wartezeiten auf Termine in Spitälern und Arztpraxen umgehen können. Ähnliche Bestrebungen gibt es seit geraumer Zeit auch in der Schweiz.

Die Newcomer und Quereinsteiger

«[D]ie Ära von tragbaren, digitalen Medizingeräten ist in den Vereinigten Staaten bereits angebrochen», schrieb das deutsche Ärzteblatt kürzlich. Tech-Riesen wie Google, Microsoft und Apple haben das Potenzial des Gesundheitsmarkts längst erkannt und lancieren einen Frontalangriff mit eigenen Gesundheits-Apps, Smartwatches, Datenspeichern für Gesundheitsdaten oder gar als Sponsor klinischer Forschung und eigenständiger Versorgungsdienstleister.

Daneben fliessen Millionen in die Entwicklung von neuen Apps und Softwareprodukten der aktiven US-Start-up-Szene. Von solchen Zahlen kann man in der Schweiz und dem übrigen Europa nur träumen. Dass sich unsere klugen Köpfe nicht verstecken müssen, haben diese aber unlängst bewiesen.

Ein weiteres magisches Wort ist «Big Data». In der Idealwelt fasst Künstliche Intelligenz die Unmengen an verfügbaren Informationen zu personalisierter Medizin, Therapievorschlägen und Medikation zusammen. In der Praxis ist man davon noch weit entfernt. Kein Wunder, werden auch hier hohe Summen in die Entwicklung investiert.

Die Moral: Wer stehenbleibt, wird abgehängt – wer nicht nachdenkt ebenfalls

In den USA ist alles auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens ausgerichtet, doch nicht in allen Fällen sind Erfolge garantiert. Das digitale Dokumentieren beispielsweise ist bei Ärzten und Pflegekräften eher unbeliebt und wird bezüglich Einsparpotenzial nur verhalten optimistisch diskutiert. Das Problem liegt vermutlich in der mangelhaften digitalen Vernetzung: 2017 waren weniger als eine von drei Kliniken in der Lage, elektronische Gesundheitsakten zu versenden oder von externen Leistungserbringern zu erhalten. Das ergab eine Studie der Harvard Business School.

Auch Cyberangriffe werden gemäss US-Medien immer stärker zum Problem für den Gesundheitssektor. Der US-Fernsehsender CBS meldete letzten Sommer, dass fast alle US-Gesundheitseinrichtungen bereits mindestens eine Cyberattacke hinter sich haben. Grund: Der Wert von digitalen Krankenakten liegt bei lukrativen 30 bis 500 Dollar, wohingegen Kreditkarten zu vergleichsweise unspektakulären 10 bis 15 Cent pro Stück gehandelt würden. Wie viel «Dramatisierung» hinter diesen Zahlen steckt, sei dahingestellt. Gleichwohl zeigen sowohl die rasanten Entwicklungen, die fehlende Vernetzung als auch die Befürchtungen, dass die Digitalisierung in Amerika mit dem Vorschlaghammer Einzug hält.

Es ist unbestritten, dass die Digitalisierung die Zukunft des Gesundheitswesens ist. Wer stehenbleibt wird abgehängt – aber wer nicht nachdenkt ebenfalls. Digitalisierung ist mehr als en masse Apps entwickeln und Daten sammeln. Sie steht und fällt vor allen Dingen mit der Vernetzung. Was bringt Big Data, wenn man der Fülle an generierbaren Informationen nicht Herr wird? Wie finden diese Daten den Weg in Krankenhäuser und Behandlungszimmer? Und welchen Sinn haben elektronisch geführte Patientendossiers, wenn sie nicht einheitlich geführt werden und nicht vom Patienten kontrolliert werden können? Gerade hinsichtlich des Patientendossiers darf behauptet werden, dass die Schweiz mit ihren eHealth-Bestrebungen einen zwar langsameren, aber gleichzeitig intelligenteren Weg eingeschlagen hat.

Quellen:

USA: Das Digitalzeitalter entfaltet sein Potenzial (Deutsches Ärzteblatt 2018; 115(15): A-698 / B-600 / C-601)
Das erste Schweizer Online-Sprechzimmer (bluewin.ch, 23.02.2017)
Medgate: Ans Telefon statt in die Notfallstation (swisscom.ch, 08.07.2017)
eHealth nimmt Fahrt auf – Das Thema ist in Schweizer Spitälern angekommen (swisscom.ch, 27.10.2017)
Bild: rawpixel.com / Unsplash

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