Digitalisierung – Ersetzt das Smartphone bald Geräte einer Arztpraxis?

„Die Medizinbranche steht vor einem gewaltigen Wandel“ – das prophezeit der Spiegel in seiner Ausgabe 29/2017. Künftig werden Patienten immer weniger auf Ärzte angewiesen sein. Grund: Das Smartphone könnte bald viele Geräte einer Arztpraxis ersetzen und Diagnosen stellen. Ist dieses Szenario realistisch?

Zehn Jahre ist es her, seit Apple das iPhone vorstellte. Kaum ein anderes Gerät hat unsere Gesellschaft seither so stark verändert. Auf dem Smartphone spielt sich zuweilen unser halbes Leben ab: Wir kommunizieren, kaufen ein, verwalten unsere Agenda, schiessen Fotos und teilen diese mit der ganzen Welt. Handelsübliche Taschenlampen? Brauchen wir nicht mehr. Feuerzeuge für romantische Konzert-Balladen-Stimmung? Das Handydisplay richtet es.

Dass das Smartphone auch immer stärker in den medizinischen Bereich vordringt, ist nur verständlich. Bereits heute gibt es unzählige Gesundheits-Apps, die unser Krafttraining oder unsere Ernährung optimieren, uns an Medikamente erinnern oder den direkten Austausch von Daten mit unserem Arzt ermöglichen. Ein Spiegel-Artikel aus der Ausgabe 29/2017 spinnt das Szenario aber noch weiter: Autor Martin U. Müller prophezeit, dass das Smartphone bald viele Geräte einer Arztpraxis ersetzen könnte.

Kleine Zusatzgeräte – grosse Wirkung

Bereits heute ist es möglich, mit Hilfe von Zusatzgeräten die verschiedensten Untersuchungen oder Therapien vorzunehmen, zum Beispiel Hirnströme ableiten, Vorhofflimmern erkennen, Lungeninfektionen überprüfen, Herzgeräusche speichern oder ein EKG aufzeichnen. „Schon bald wird es kaum noch etwas geben, das die Praxis eines Hausarztes von einem aufgerüsteten Handy technisch unterscheidet. Im Gegenteil: Manchmal ist der Patient schon heute mit dem Handy besser bedient“, schreibt Müller ins einem Artikel. Der Patient werde mächtiger, der Arzt entbehrlicher.

Gesundheitswesen: Ambulant, stationär – und bald digital?

Das Gesundheitswesen kennt aktuell einen ambulanten und einen stationären Sektor. Gesundheitsökonomen gehen davon aus, dass bald ein digitaler Sektor hinzukommen wird. Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Rüschlikon schreibt dem Smartphone hierbei eine zentrale Schnittstellenfunktion für die Gesundheitsversorgung zu. Gerade aufgrund der steigenden Gesundheitskosten erscheine es sinnvoll, erste Untersuchungen jedes Patienten über ein Smartphone-System durchzuführen. Kein Wunder horchen Medizingerätehersteller rund um den Globus auf.

Was sagen Ärzte und Patienten?

Eines ist klar: Dr. Google geniesst unter der Ärzteschaft keinen guten Ruf – und in vielen Fällen ist das auch gerechtfertigt. Wenn aber Amazons Sprachassistentin Alexa plötzlich bei einer Wiederbelebung assistiert oder ein Facebook-Bot erkennt, ob ein Nutzer sich mit dem Zika-Virus angesteckt haben könnte, hört man schon genauer hin. „Der Arzt muss beweisen, dass er gleich gut ist. Das wird zunehmend schwerer, wenn die künstliche Intelligenz mit voller Wucht aufholt“, sagt Digitalunternehmer Markus Müschenich gegenüber Spiegel. Dass sie einen echten Arzt ersetzen können, glaubt niemand – dass sie dessen Arbeit erleichtern und verändern hingegen schon.

Patienten sehen der digitalen Revolution tendenziell positiv entgegen, gerade weil man sich mit guten Smartphone-Anwendungen den Weg zum Arzt und mögliche Wartezeiten sparen kann. Gleichwohl bleibt aber auch hier eine Ur-Angst gegenüber der Digitalisierung bestehen: Der fehlende Datenschutz. „Je mehr sich die Medizin digitalisiert, desto angreifbarer machen sich die Patienten“, schreibt Müller in seinem Artikel. Vor allem bei Smartphone-Apps und Gadgets sind der Datenschutz und die entsprechenden Zugriffsrechte – im Gegensatz zu einem elektronischen Patientendossier – nicht immer transparent geregelt.

Wann können wir also mit der beschriebenen digitalen Revolution rechnen? „So schnell sich die Branche auch entwickelt – der Mediziner der Zukunft wird ein Mensch bleiben, vorerst“, resümiert Müller und beruft sich dabei auf eine einfache Rechnung: „Aktuell dauert es im Schnitt 17 Jahre, bis es innovative Medizin von ihrer Entwicklung zur breiteren Anwendung schafft.“

Quelle:
„App auf Rezept“ (Spiegel, 29/2017)
Bild: Fotolia

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