Digitalisierung auf Schritt und Tritt

Die Gesundheitsversorgung beschränkt sich heute in der Regel auf die ärztliche Betreuung in der Praxis sowie die Selbsteinschätzung des Patienten. Gerade Letzteres ist jedoch nicht immer zielführend. Aus diesem Grund kommen immer häufiger digitale Verfahren zum Einsatz, die dem Arzt objektive Daten zum Gesundheitsstand seines Patienten liefern können.

Die Schweizer Bloggerin und Twitterqueen Andrea Jerger hat sich Mitte Juni 2016 einen Stick von Meditronic zur Erfassung ihrer Herztätigkeiten einsetzen lassen. Im Interview erzählt sie warum, wie sie mit dem Gerät lebt und was die Digitalisierung des Gesundheitswesens für sie als Patientin bedeutet.

Andrea, was hast du dir konkret einbauen lassen, für was und warum?

Ich bin regelmässig aus dem Nichts zusammengebrochen. Meine Ärzte vermuten, dass ich unter einer Herzrhythmusstörung leide, ganz sicher sind sie sich aber nicht. Aus diesem Grund haben sie mir Mitte Juni einen Stick von Meditronic zur Überwachung meiner Herzaktivitäten eingebaut. Mit Hilfe des Sticks soll nun herausgefunden werden, warum ich immer wieder zusammenbreche. Es ist also ein zusätzliches Untersuchungsinstrument, das genau detektieren kann, wo in meinem Herzen ein Problem besteht – falls es eines gibt.

Wie funktioniert der Stick genau?

Der Stick nimmt meine Herztätigkeiten wie eine Videokamera auf. Das Gerät ist extrem genau und man könnte quasi nachverfolgen, wann ich sitze, renne oder nervös bin. Ergeben sich keine Auffälligkeiten, werden die aufgenommenen Daten nach einer gewissen Zeit überschrieben. Registriert der Stick etwas Irreguläres, speichert er die Daten und übermittelt sie automatisch an mein Spital. Die Benachrichtigung des Spitals kann ich auch selber via Fernbedienung auslösen. Meine Ärzte können die Daten einsehen und mich gegebenenfalls aufbieten. Der Stick an meinem Herzen verfügt sogar über GPS: Theoretisch könnte mich ein Notarzt also sofort finden, falls ich irgendwo zusammenbreche. Leider verfügen wir in der Schweiz nicht über die nötigen rechtlichen Grundlagen, um so etwas zu ermöglichen. Ich persönlich finde das sehr schade.

Hätte es Alternativen zum Stick gegeben oder war der Eingriff zwingend?

Theoretisch gesehen wäre ein 24h-EKG ebenfalls denkbar gewesen. Für mich war das leider keine Option, da ich allergisch auf Pflaster reagiere. Die Alternative zum Stick wäre folglich keine Überwachung und eine grosse Unsicherheit gewesen.

Wie lebst du damit?

Bisher wurden zum Glück keine besorgniserregenden Herzaktivitäten festgestellt. Bleibt das so, wird der Stick für die nächsten drei Jahre in mir drin bleiben. Er befindet sich direkt bei der Brust und wenn ich mich zu fest bewege, spüre ich ihn schon mal. Das beeinträchtigt mich aber nicht.

Ich bin sehr froh, diesen Eingriff vorgenommen zu haben, denn so fühle ich mich sicherer und weiss, dass mein Herz überwacht wird. Natürlich hoffe ich, dass man nichts findet, aber falls doch, dann habe ich die Sicherheit, dass es aufgenommen wird und untersucht werden kann.

Der Stick ist quasi ein weiterer digitaler Fortschritt: Wie erlebst du die Digitalisierung als Patientin? Wie schätzt du die Chancen ein?

Ich bin jemand, der die Digitalisierung im Gesundheitswesen stark befürwortet. Die Vor- und Nachteile davon erfahre ich ja sprichwörtlich am eigenen Leib. Die Digitalisierung und Vernetzung sehe ich als Chance für uns Patienten, aber auch für das Gesundheitswesen selbst, um dieses zu entlasten. Ich hoffe sehr, dass die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um vollumfänglich davon profitieren zu können. Meiner Meinung nach ist unser System diesbezüglich noch etwas zu konservativ.

Hast du keine Angst, dass deine digitalisierten Daten in die falschen Hände geraten könnten?

Gewisse Krankheiten müssen ja heute schon offiziell dem Bund gemeldet werden. Angst vor Datenmissbrauch habe ich nicht. Mir ist es ohnehin lieber, wenn meine Patientendaten zum Beispiel auf der Cloud eines erfahrenen eHealth-Anbieters liegen anstatt irgendwo auf einem ungesicherten Server in einer Arztpraxis. Extern sind meine Daten ja sowieso abgelegt – ob beim Arzt oder in einer webbasierten Lösung – und da weiss ich sie lieber in den Händen eines Profis, wo ich überdies selber darauf Zugriff habe und alles an einem Ort einsehen kann. Eine solche Lösung hat zudem den Vorteil, dass im Falle eines Notfalls alle wichtigen Informationen schnell abrufbar sind. Aktuell erlebe ich hier eher das Gegenteil: Wenn ich von einem Spital in ein anderes wechsle, sind die Kommunikationskanäle lang und umständlich. Hinzu kommt, dass ich als Patient keine Ahnung habe, was da mit mir und meinen Daten geschieht. Ich würde mir wünschen, durch die Digitalisierung und Vernetzung des Gesundheitswesens Zugang zu allen meinen Daten zu erhalten und selber entscheiden zu können, wer welche Informationen von mir einsehen kann.

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Bild: Fotolia

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