Digitale Säuglingsüberwachung – Ein Geschäft mit der Angst?

Die Gesundheit des Kindes steht für Eltern an allererster Stelle. Hersteller haben das unlängst erkannt: Was früher das Babyfon war, sind heute Sensoren in Söckchen, Chips am Strampler, Apps und Gadgets aller Art. Mit den neuen digitalen Geräten können Eltern die Vitalfunktionen ihres Kindes quasi in Echtzeit überwachen. Luft- und Bewegungssensoren erfassen Herzschlag, Liegeposition und jede noch so kleine Regung und übertragen die Daten via Bluetooth auf das Handy der Eltern. Doch wie sinnvoll ist die Totalüberwachung des eigenen Kindes? Und was sagen Ärzte dazu?

Skepsis bei Experten und Medien

Liest man sich durch die bisher erschienenen Artikel zu dem Thema, fällt vor allem eines auf: Die Mehrheit der Journalisten und befragten Experten stehen dem Trend zur Überwachung im Kinderbett skeptisch gegenüber. Gemäss Christopher Bonafide vom Children’s Hospital Philadelphia gibt es keinerlei Daten, die belegen, dass entsprechende Geräte Unfälle oder einen plötzlichen Kindstod verhindern können. „Die Geräte werden Eltern gesunder Kinder angedreht, sie versprechen Ruhe, aber es gibt keine Belege, dass sie Leben retten“, wird Bonafide von der Süddeutschen Zeitung zitiert. Darüber hinaus sei die Wahrscheinlichkeit eines Fehlalarms sehr hoch. Die Eltern stünden jedes Mal vor der Entscheidung, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht. Was als Entlastung dienen soll, entpuppt sich so auf einmal als Stressfaktor.

Positive Grundhaltung bei Eltern

Im Gegensatz zu Ärzten und den Medien erachten viele Eltern die Gadgets als „unbezahlbaren Segen“. Die Produkte geben ihnen Sicherheit und das Gefühl, die Gesundheit ihres Kindes unter Kontrolle zu haben. Die gewonnenen Vitalwerte werden dann oft mit anderen Eltern in Babyforen diskutiert. Als Arzt oder aussenstehende kinderlose Person ist es leicht, über diesen vermeintlichen „Kontrollwahn“ negativ zu urteilen. Aber ist es nicht so, dass wir am meisten schützen wollen, was uns am liebsten ist?

Olaf Neumann, Chef der Frauenklinik am Klinikum München-Schwabing, erklärt sich den Boom solcher Produkte vor allem mit der Unsicherheit vieler Eltern. „Wir müssen den Menschen den Zauber des Kinderkriegens zurückbringen“, sagt er gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Heutzutage würden wir den Umgang mit Säuglingen erst dann lernen, wenn wir Eltern werden. Darum erst recht haben wir Angst davor, etwas falsch zu machen. Neumann glaubt, dass es folglich nicht nur die Babys sind, die Aufmerksamkeit brauchen, sondern auch die Eltern. Das Gefühl von Sicherheit steht somit in mehrfacher Hinsicht im Mittelpunkt.

Quelle:

„Ärzte warnen vor Totalüberwachung im Kinderbett“ (Süddeutsche Zeitung, 29.01.2017)
Bild: Fotolia

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