Das Gedanken-Karussell stoppen

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In den letzten beiden Jahrzehnten ist die technische Entwicklung förmlich explodiert. Unser Kommunikationsmittel für die Ferne, das Telefon, mutierte zum Computer und erledigt teilweise völlig selbständig Büroarbeiten. Immer mehr Geräte bekommen einen Internet-Anschluss und lernen so für uns zu denken. Z.B. meldet der Kühlschrank, wenn die Milch alle ist und der Backofen lädt das Rezept selbständig vom Server. Obwohl wir so eigentlich immer weniger machen und denken müssten, kommen wir selbst doch selten zum Abschalten. Dank der vielfältigen Informations- und Kommunikationsangebote sind wir selbst über Stunden hinweg online. Ständig bekommen wir Mails und Kurznachrichten, auf die wir sehr oft zeitnah antworten – bis spät in die Nacht. Dem aber nicht genug: Da immer mehr Menschen im Dienstleistungssektor arbeiten, hört die Arbeit nicht selbstverständlicherweise auf, wenn sie den Arbeitsplatz verlassen. Viele nehmen ihre Arbeit mit nach Hause, in die Partnerschaft, Familie oder ins Training. Die Gedanken drehen weiter, assoziieren, suchen nach Lösungen, die sie gleich wieder verwerfen. Oder führen endlose innere Dialoge. Diese Form von Stressbelastung ist absolut neu und noch nie dagewesen in unserer Zeitrechnung. Entsprechend haben wir als ganze Gesellschaft noch nicht gelernt, damit umzugehen. Die Pharmaindustrie stört das nicht, hat sich doch der Konsum von Antidepressiva und Schlafmittel in den letzten 15 Jahren um den Faktor 2-4 gesteigert. Beide Substanzgruppen werden unter anderem konsumiert, um die Gedanken ruhiger zu kriegen.

Natürlich machen wir uns den Druck oft selbst, wenn wir meinen, ständig a-jour sein zu müssen. Andererseits gibt es auch Arbeitgeber, die eine hohe Verfügbarkeit fordern. Grundsätzlich ist es eine grosse Herausforderung, den eigenen Geist wieder zu verlangsamen, nachdem man ihn den ganzen Tag intensivst genutzt hat. Das Hirn nämlich arbeitet ähnlich einem Muskel – im trainierten Bereich wird es immer stärker. Es lernt ‚blind‘ und überlegt nicht, ob der aktuelle Inhalt sinnvollerweise gelernt werden soll. Auf diese Art lernen wir auch, uns zu sorgen, zu ängstigen oder uns aufzuregen. Jeder Hirnprozess, d.h. jeder Gedanke und jedes Gefühl wird durch Wiederholung leichter und häufiger abgerufen.

Wenn wir dieser Beschleunigung und Ausuferung des Denkens Grenzen setzen möchten, halten wir uns mit Vorteil an die Regeln, die uns die Physiologie aufgibt. Um dem Gedankenkreisen ein Ende zu setzen werden häufig verschiedene Methoden angewandt. Aber keine lang genug, damit sie wirken kann. Es ist wie beim Marathon-Training: Es braucht weder Genialität noch besondere Kreativität, um die eigene Kondition auf 42km zu bringen. Einfache Trainingsdisziplin unter Berücksichtigung der Regenerationsphasen reicht aus. So ist es auch beim mentalen Training. Die Technik sollte einfach und logisch sein. Dazu ist es von Vorteil, wenn man keine Hilfsmittel dazu braucht und sie überall anwenden kann. Im Folgenden stelle ich Ihnen eine solche Technik vor.

Durch Überprüfung zur inneren Ruhe
Sie kennen den inneren Dialog, der unermüdlich sich über Stunden und Tage erstrecken kann – mit Vorliebe in der Nacht, wenn es um Sie herum schön ruhig ist. Soll ich die X-Box oder die Playstation kaufen? Was meinte Meier mit seiner Bemerkung heute im Meeting? Das Projekt wird nicht rechtzeitig fertig. Dummerweise kosten diese Wortwechsel Energie, Nerven und den guten Schlaf. Einfach damit aufzuhören ist meist unmöglich, da nicht erlernt. Schliesslich lernen wir in Schule und Ausbildung, uns Gedanken zu machen und nicht, sie loszulassen. Der ungleiche Kampf entsteht auch dadurch, dass das Unbewusste, das die Gedanken erzeugt, dem Bewusstsein, das gerne Ruhe hätte, massiv überlegen ist. Das Unbewusste ist ständig in Bewegung, nimmt ununterbrochen Reize aus der Umwelt auf und produziert eben Gedanken, auch nachts. Das arme Bewusstsein kann nur linear eines nach dem anderen abarbeiten und braucht erst noch Ruhephasen. Darum hinkt beim Gedanken-Karussell das Bewusstsein immer hinten drein, unter Umständen so lange, bis es komplett erschöpft ist.

Um nun die Kraftverhältnisse anzugleichen wendet man folgenden Trick an: aus der Flut von Gedanken wählt man einen einzelnen aus. Es gibt keine falsche Wahl, jedoch nimmt man mit Vorteil einen starken, der häufig auftritt. Beispielsweise ‚Janka interessiert sich nicht für mich.‘ Dann bleibt man bei diesem Gedanken, wiederholt ihn bewusst. So lange, bis die anderen etwas ruhiger werden und in den Hintergrund treten. Das ist nur eine Frage des Trainings und kann tatsächlich mit jedem Muskeltraining verglichen werden. Als Anfänger hören Sie ja auch nicht beim ersten Muskelkater auf oder wenn Sie sehen, dass andere besser sind als Sie.

Wenn die Gedanken ein wenig langsamer werden und Sie schön bei ihrem gewählten bleiben können, kommt der nächste Schritt. Der Gedanke wird überprüft. Nicht diskutiert, analysiert, verdrängt, beschönigt oder sonst wie manipuliert. Einfach überprüft mit der Frage: ‚Ist das wahr?‘ Diese Frage öffnet eine neue Türe. Die Antwort gibt im besten Fall nicht der Kopf, sondern taucht aus dem Inneren auf. Diesem Inneren kann man Bauch, Kern, Selbst oder sonst was sagen. D.h. man stellt die Frage und lauscht nach innen. Auch hier gibt es keine falschen Antworten. Die ‚gehörte‘ oder gefühlte Antwort gilt als die aktuell richtige. Man braucht sich auch nicht dafür zu rechtfertigen, sie widerspiegelt einfach die momentane innere Wahrheit. Sollte es bei dieser Suche zu innere Diskussionen führen, klemmt man diese freundliche ab, wiederholt seinen gewählten Satz (‚Janka interessiert sich nicht für mich.‘) und fragt erneut nach, ‚ist das wahr?‘ Auf diese Weise bekommt man eine persönliche, massgeschneiderte Mini-Meditation. Wenn die Antwort einigermassen klar zustande kommt (was oft der Fall ist), verweilt man ein paar Sekunden (1-2 Minuten wenn möglich) dabei. Als Antwort kommen nur in Frage: ja – nein – weiss nicht. Der innere Dialog im Beispiel sieht dann so aus: ‚Janka interessiert sich nicht für mich.‘ … Pause … ‚ist das wahr?‘ … Pause, nach innen spüren … ‚ja‘ … Pause, nachspüren.

Schon mit wenig Übung ist man in der Lage, auf diese Weise 2-5 Minuten bei einem Satz zu bleiben. Und reduziert damit drastisch das Tempo der anderen Gedanken.
Natürlich wird der Gedanke auch später wieder auftauchen, schliesslich gibt es ja irgendeinen guten Grund dafür. Dann wiederholt man die Übung einfach, wie wenn man sie zum ersten Mal machen würde. Wichtig ist, nicht in Selbstentwertung zu verfallen (‚jetzt habe ich das doch schon geklärt, warum kommt der Gedanke denn wieder, ist doch blöd, etc.) Nicht einsteigen in die Diskussion, sondern einfach und schlicht erneut überprüfen. Wenn man Zeit und Nerven hat, kann man die Übung natürlich auch mit mehreren Gedanken hintereinander machen.

Viel Erfolg.

Autor
Der gebürtige St. Galler Dr. med. Rolf Heim (1971), studierte in Zürich Medizin mit Spezialisierung in Psychotherapie, Psychiatrie und Coaching mit systemischer Ausrichtung. Von 2000 bis 2010 war er tätig am Institut für Arbeitsmedizin, Baden, im Bereich Gesundheitsförderung, Führungsschulung, Coaching und Psychotherapie. Seit 2008 führt er in Holderbank AG eine eigene Praxis und berät Unternehmen im Umgang mit psychisch kranken Mitarbeitenden. Heim ist Autor mehrere Publikationen (u.a. Seele am Abgrund: Ratgeber für Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen, 2008; Wellness Mindness Guide, 2006).

Sie erreichen diesen Autor auch direkt unter: www.cts-consulting.ch

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