«Blinde Kuh mit Steuergeldern»

Digitalisierung und Kostendruck fordern die Schweizer Kliniken gewaltig. In Weggis diskutierten Spitaldirektoren und Fachleute aus Industrie und Politik, wie diesen Herausforderungen zu begegnen ist.

«Braucht es noch Ärzte in Zukunft?» oder «Wie machen wir unsere Spitäler wieder gesund? ». Diese und weitere fundamentale Fragen stellten die Referenten den rund 50 Teilnehmenden des «Gipfeltreffens 2017». Das vom IT-Dienstleister Logicare organsierte Spitaldirektoren-Symposium widmete sich den Herausforderungen der Schweizer Spitallandschaft in Zeiten von elektronischem Patientendossier, starkem Investitionsbedarf und gleichzeitigem Spardruck.

Kulturwandel bei Planung, Bau und Betrieb

Tom Guthknecht, Experte für die Planung von Gesundheitsbauten, konstatierte: «Unsere Spitäler sind krank.» Die Gebäude würden oft auch heute noch so konzipiert wie vor Jahrzehnten. Es werde bei der Planung von Spitalbauten viel zu wenig gewichtet, wie in den entstehenden Räumen künftig möglichst effizient gearbeitet werden könne. Der Fokus liege zudem oft nur auf den Bau-, nicht aber auf den Folgekosten. «Innert zweieinhalb Jahren übersteigen die Betriebskosten eines Spitals die Baukosten», so Guthknecht. Zudem würden 60 Prozent eines Funktionsneubaus innerhalb von zehn Jahren wieder umgebaut. Anstehende Investitionsprojekte für Spitäler müssten daher viel nachhaltiger geplant und umgesetzt werden. Guthknecht: «Sonst spielen wir Blinde Kuh mit Steuergeldern.»

Unabhängig von der baulichen Situation sei in Spitälern noch viel Produktivitätsgewinn möglich, unterstrich Paul Saxer von Swisscom. Mit seinem Team berät er Spitäler/ Alterszentren darin, LEAN-Methoden im Alltag umzusetzen. «Heute muss in Spitälern das Credo ‚Patient first‘ konsequent gelebt werden», so Saxer. Die Abläufe in der Klinik müssten auf Effizienz getrimmt werden – unter anderem mit intelligentem Einsatz von ICT und Digitalisierung. Wartezeiten, lange Wege, Fehler und Unzufriedenheit könnten dadurch vermieden werden. «Dadurch gewinnen Ärzte und Pflegende mehr Zeit für ihre Patienten», ist Saxer überzeugt. Prozesse zu hinterfragen und Arbeitsweisen zu verändern – etwa mit «Open Space» statt Einzelbüros – bedingten aber einen Kulturwandel in den Spitälern, der nur von den Führungsebenen angestossen und getragen werden könne. Saxer: «Die Implementierung von LEAN-Themen ist vor allem eine Führungsaufgabe.»

Kulturwandel in den Spitälern: Der Patient steht im Zentrum, nicht mehr der Arzt. (Bildquelle: Intern)
Kulturwandel in den Spitälern: Der Patient steht im Zentrum, nicht mehr der Arzt. (Bildquelle: Swisscom Health)

Engere Zusammenarbeit bei eHealth

Gefordert sind die Schweizer Spitäler nicht zuletzt durch die zunehmende Digitalisierung des Gesundheitswesens. Evelyne Reich, Direktorin des Spitals Lachen, plädierte bei diesem Thema für mehr Zusammenarbeit zwischen den Spitälern und anderen Leistungserbringern. «Statt Alleingängen mit beschränktem Know-how und begrenzten Mitteln sollten wir gemeinsam eine gewisse Standardisierung anstreben.» IT-Projekte dauerten heute zu lange und würden zu viel Geld kosten, ohne sichtlichen Mehrwert. Das wirke sich negativ auf die Performance der Spitäler aus und führe dazu, dass die Akzeptanz fürs Thema Digitalisierung bei den Mitarbeitenden schwinde.

Für Tempo und Schulterschlüsse in Sachen eHealth sprach sich auch Thomas Heiniger aus. Der Zürcher Regierungsrat und Präsident der Schweizer Gesundheitsdirektorenkonferenz betonte, dass die Kantone möglichst ideale Rahmenbedingungen für entsprechende Projekte schaffen sollten. «In Zürich hat der Kanton eine Trägerschaft für das elektronische Patientendossier aufgebaut und macht sich nun gemeinsam mit den Verbänden der Leistungserbringer an die Umsetzung.» Leider sei die Politik aber nicht in allen Kantonen so initiativ, bedauerte Heiniger. Umso positiver wertete er das Signal, das die Kantone Zürich und Bern aussenden. «Wir streben unter dem Dach der Betreibergesellschaft Axsana eine Zusammenarbeit beim Aufbau des EPD an.» Ein Lichtblick also, dass im Gesundheitswesen für einmal die Nutzung von Synergien über dem Kantönligeist steht.

Gipfeltreffen 2017 (Bildquelle: intern)
Gipfeltreffen 2017 (Bildquelle: Swisscom Health)

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