«Awareness» – Machen uns Promis zu Hypochondern?

Wenn Promis ernst erkranken, setzen sie sich meist umgehend für mehr öffentliche Beachtung und eine verstärkte Erforschung ihres Leidens ein. Ihre Offenheit ist einerseits vorbildlich: Sie sensibilisiert, fördert und baut Vorurteile gegenüber Erkrankungen ab. Andererseits provoziert sie womöglich ein Ungleichgewicht zwischen Aufmerksamkeit und Relevanz der betreffenden Krankheit.

Medienwirksame Inszenierung

Fast jede Krankheit und jede Therapieform hat mittlerweile einen eigenen Aktionstag im Kalender. Ziel: Die Aufmerksamkeit von uns Bürgerinnen und Bürgern gewinnen. Verschärft wird dieser Kampf zunehmend durch prominente Persönlichkeiten, die ihre eigenen Erkrankungen ebenfalls medienwirksam in Szene setzen. Dahinter steckt zweifelsfrei nicht nur «Kalkül». Vielfach ist es Prominenten ein echtes Anliegen, dass die entsprechende Krankheit besser erforscht und die Prävention gefördert wird. Problematisch wird es allerdings, wenn dadurch Krankheitsbilder in den Fokus geraten, die womöglich weder stärkere Aufklärung noch vermehrte Prävention, Tests oder Therapien benötigen. «Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, ebenso wie die Ressourcen, die sie zu generieren vermag. Wer mehr für Krankheit A aufwendet, kann weniger in Krankheit B investieren. Die Entscheidung, ob A Priorität haben sollte, darf aber nicht von Zufällen der Promiwelt abhängig sein», schreibt Berit Uhlmann von der Süddeutschen Zeitung in einem Kommentar zum Thema.

Krankheit A wird gegen Krankheit B ausgespielt

In unserer beschleunigten digitalisierten Welt ereilen Krankheiten oft dasselbe Schicksal wie andere News: Die entgegengebrachte Aufmerksamkeit wiederspiegelt nicht immer auch ihre Relevanz. Die Entscheidung, welche Krankheit öffentlich am stärksten beachtet wird, hängt somit zunehmend von ihrem «Promistatus» ab und nicht mehr davon, wie häufig sie tatsächlich vorkommt oder wie es um ihre Erforschung steht.

In seinem Artikel verweist Uhlmann auf ein besonders bekanntes Beispiel: Angelina Jolies präventive Brustoperation, um ihr familiär bedingtes Brustkrebs-Risiko zu minimieren. Wochenlang waren die Newsportale voll von Warnungen und Empfehlungen . Allein in den USA nahm die Zahl der Gentests während dieser Zeit angeblich um 65 Prozent zu. Genutzt hat es offenbar wenig: Gemäss von Uhlmann zitierten Studien wurden trotzdem nicht mehr Fälle von vererbbarem Brustkrebs entdeckt. Eine weitere Umfrage ermittelte, dass weniger als zehn Prozent der US-Bürger das Brustkrebs-Risiko einer durchschnittlichen Frau korrekt beziffern konnten. Obwohl die Krankheit grosse Aufmerksamkeit erfahren hat, hat die Bevölkerung folglich wenig Brauchbares gelernt. Stattdessen hat die öffentliche Beachtung Sorgen und Ängste bei den Frauen geschürt, was die Zunahme der Gentests verdeutlicht. Welche Krankheit in den öffentlichen Fokus gerät, sollte also nicht allein vom Promistatus der Erkrankten abhängen.

Quellen:
«Mehr Ruhe im Promi-Krankenbett» (Süddeutsche Zeitung, 12.05.2018)
Bild: Fotolia

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